Abdrucke mit freundlicher Genehmigung des Haller Kreisblattes

Auf einer Wiese am Schulweg wollte die Gemeinde ein Rückhaltebecken zum Hochwasserschutz bauen. Daraus wird nichts. Denn auf dem Grundstück wurden seltene Pflanzenarten gefunden.

Bach am Rande eines Feldes

Frank Jasper 11.01.2022 um 16:00 Uhr Steinhagen.

Das Projekt war bereits von langer Hand geplant. Nördlich der Grundschule Steinhagen, wo sich bereits zwei Retentionsanlagen befinden, wollte die Gemeinde Steinhagen ein drittes Becken anlegen, das bei Starkregen Wasser aufnehmen kann. Auf dem 5.500 Quadratmeter großen Grundstück, das sich im Eigentum der Gemeinde befindet, war eine Anlage mit einem Rückhaltevolumen von bis zu 3.000 Kubikmeter vorgesehen. Zum Vergleich: Die bereits bestehenden Becken nebenan fassen 900 beziehungsweise 820 Kubikmeter.

„Die Wasserbehörde des Kreises Gütersloh hatte uns bereits grünes Licht gegeben. Doch im Rahmen des weiteren Planungsverfahrens stellte sich heraus, dass sich auf dem Grundstück eine Kohldistel-Wiese entwickelt hat", erklärt Rainer Drouyn vom zuständigen Bauamt der Steinhagener Gemeindeverwaltung. Neben der Kohldistel wachsen hier beispielsweise auch Waldengelwurz, Sumpfschachtelhalm, Mädesüß und Wiesenfuchsschwanz. „Alles keine Pflanzen, die sich auf der Roten Liste der bedrohten Arten befinden, aber in ihrer Zusammensetzung doch so interessant sind, dass der Kreis im Herbst entschieden hat, dass wir in dieses Biotop nicht eingreifen dürfen", so Drouyn. Nach Paragraf 30 des Bundesnaturschutzgesetzes handelt es sich jetzt um eine geschützte Feuchtwiese.

„Womöglich haben wir uns das sogar selber eingebrockt", mutmaßt Rainer Drouyn. Nachdem die Wiese in den vergangenen Jahren nicht mehr gemulcht worden sei, könnten sich die Pflanzen dort erst recht wohl gefühlt haben. In der Folge entstand ein Feuchtbiotop mit Seltenheitswert. Gut für die Artenvielfalt, schlecht für den Hochwasserschutz. Und: kein Einzelfall.
„Wir haben immer mehr Mühe, geeignete Flächen für derartige Hochwasserschutzmaßnahmen zu finden", erläutert Drouyn. Oft befänden sich geeignete Grundstücke in Privateigentum und seien bebaut, „oder es haben sich Biotope entwickelt, die man nicht plattmachen möchte". Hochwasserschutz und Naturschutz müssten dann gegeneinander abgewogen werden. Wiese wirkt wie ein Schwamm, indem sie Wasser speichert.

Derzeit überlegt man im Bauamt, eine verkleinerte Maßnahme zum Hochwasserschutz auf dem Grundstück, durch das der Pulverbach fließt, umzusetzen. „Es wäre möglich, auf einem fünf bis sechs Meter breiten Streifen die Böschung des Baches abzuflachen und auf diese Weise das Gewässer auszuweiten", erklärt Rainer Drouyn. Bei Starkregen könnte sich das Wasser dann zumindest etwas ausbreiten; außerdem würde die Fließgeschwindigkeit des Baches gedrosselt. Auch ohne bauliche Maßnahmen würde bei starkem Regen die Wiese geflutet und dann wie ein Schwamm wirken, indem sie Wasser speichert. Ein Fassungsvermögen von 3.000 Kubikmeter sei natürlich nicht drin.

Außerdem schaut sich die Gemeinde weiter nach alternativen Flächen für ein Retentionsbecken um. Dabei hat sie auch das geplante Gewerbegebiet Detert oberhalb der Autobahn in den Blick genommen. „Auch dort spielen Regenrückhaltung und Entwässerung natürlich eine wichtige Rolle", so Drouyn.
Nicht erst seit der Flutkatastrophe in Teilen NRWs und Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr sind Politik und Verwaltung in Steinhagen für das Thema Hochwasserschutz sensibilisiert.

Artikel vom 11.01.2022
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